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Untenrum Magazin

Syphilis galt lange als Krankheit vergangener Zeiten. Die Realität sieht anders aus: 2024 registrierte das Robert Koch-Institut in Deutschland 9.513 Syphilis-Fälle, ein anhaltend hoher Wert mit steigender Tendenz 2, 3. Damit ist Syphilis heute häufiger als in den Jahrzehnten zuvor und betrifft nicht mehr nur bestimmte Risikogruppen. Das Tückische an Syphilis ist ihr Verlauf: Die Infektion durchläuft mehrere Stadien, die jeweils symptomarm oder sogar symptomlos sein können. Wer den ersten Warnhinweis, ein schmerzloses Geschwür, übersieht, kann die Krankheit unwissentlich weitertragen und sich selbst ernsthaft schädigen. Die gute Nachricht: Bei frühzeitiger Diagnose ist Syphilis mit einer einzigen Penicillin-Injektion vollständig heilbar. Dieser Artikel erklärt, wie die Übertragung funktioniert, welche Symptome in welchem Stadium auftreten, wie der Syphilis-Test funktioniert und was bei der Behandlung zu beachten ist.


Was ist Syphilis?

Syphilis, auch Lues oder harter Schanker genannt, ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Treponema pallidum verursacht wird 1. Der Erreger gehört zur Gruppe der Spirochäten und kann sich ohne Behandlung über viele Jahre im Körper halten, dabei wechselnde Organsysteme befallen und schwere Schäden hinterlassen.

Syphilis ist eine der ältesten dokumentierten Geschlechtskrankheiten und war vor der Entdeckung der Antibiotika oft tödlich. Heute ist sie, wenn rechtzeitig erkannt, mit Penicillin vollständig heilbar 1. Dennoch bleibt sie klinisch relevant, weil viele Infektionen unbemerkt bleiben und die Übertragungsketten schwer zu unterbrechen sind.


Wie wird Syphilis übertragen?

Syphilis wird in erster Linie durch direkten Kontakt mit infektiösen Schleimhautläsionen oder Hautveränderungen beim Geschlechtsverkehr übertragen 2, 3. Das umfasst Vaginal-, Anal- und Oralverkehr sowie engen Schleimhautkontakt ohne Penetration.

Wichtig zu wissen: Kondome bieten keinen vollständigen Schutz, weil der Primäraffekt oder andere Läsionen sich auch an Körperstellen befinden können, die vom Kondom nicht bedeckt werden, etwa Hodensack, Leiste, Anus oder Mund 2. Weitere Übertragungswege sind kontaminierte Spritzen bei intravenösem Drogenkonsum sowie die Übertragung von der Mutter auf das ungeborene Kind (Lues connata) 1.

Die Ansteckungsfähigkeit ist in den aktiven Stadien (Primär- und Sekundärstadium sowie Frühlatenz) am höchsten. Wer in der Frühlatenz keine Symptome zeigt, kann das Virus dennoch übertragen.


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Die vier Stadien der Syphilis

Hand mit schwarzem Latexhandschuh hält kleines Glasröhrchen mit roter Blutprobe – nackter Arm unscharf im Hintergrund, dunkle klinische Studioatmosphäre
Eine Blutprobe als Ausweg aus der Ungewissheit: TPPA- und VDRL-Test beim Arzt sichern die Syphilis-Diagnose zuverlässig – auch im symptomfreien Stadium

Primärstadium (Lues I): 2 bis 6 Wochen nach Infektion

Etwa 14 bis 28 Tage nach der Infektion entsteht an der Eintrittsstelle des Erregers ein charakteristisches Geschwür: der sogenannte Primäraffekt oder Ulcus durum 1, 3. Es ist derb, scharf begrenzt, hat einen sauberen Grund und ist, das ist entscheidend, völlig schmerzlos. Genau deshalb bleibt er beim Mann oft unbemerkt: Wenn er sich an Eichel, Vorhaut oder im Analbereich befindet, fällt er leicht durch.

Begleitend schwellen die Lymphknoten in der Leiste an, ebenfalls ohne Schmerzen. Der Primäraffekt heilt nach vier bis sechs Wochen von selbst ab, auch ohne Behandlung 1. Das bedeutet aber nicht, dass die Infektion verschwunden ist. Das Bakterium ist nach wie vor im Körper aktiv und verbreitet sich weiter.

Sekundärstadium (Lues II): 4 bis 10 Wochen nach dem Primäraffekt

Im Sekundärstadium gelangen die Treponemen über die Blut- und Lymphbahn in den gesamten Organismus. Die Folge ist ein vielgestaltiges Krankheitsbild, das zahlreiche andere Erkrankungen imitieren kann, weshalb Syphilis in der Medizin als „der große Imitator" bekannt ist 3.

Typische Symptome des Sekundärstadiums sind 1, 2, 3:

  • Hautausschlag (Syphilid / Exanthem): Nicht juckender, rötlich-bräunlicher Ausschlag am Oberkörper und, charakteristisch, an Handflächen und Fußsohlen. Dieses Muster gilt als starker Hinweis auf Syphilis.
  • Condylomata lata: Flache, breite, feuchte Wucherungen im Anal- und Genitalbereich, hochgradig infektiös.
  • Allgemeinsymptome: Fieber, Abgeschlagenheit, Kopf- und Gelenkschmerzen, geschwollene Lymphknoten, Gewichtsverlust.
  • Haarausfall (diffuser, mottenfraßartiger Alopecia-Befall der Kopfhaut)
  • Schleimhautveränderungen im Mund oder Rachen

Auch das Sekundärstadium klingt ohne Behandlung ab, hinterlässt aber anhaltende Schäden im Körperinneren, wenn keine Therapie erfolgt 2.

Zeitstrahl Syphilis-Stadien: Lues I (Schanker, Wochen 2–4), Lues II (Exanthem Handflächen/Fußsohlen, Haarausfall), Latenzphase (symptomlos), Lues III (Gummen, kardiovaskulär, Neurosyphilis); Behandlung: Penicillin G
Syphilis in vier Phasen: Lues I mit schmerzlosem Schanker, Lues II mit Exanthem an Handflächen und Fußsohlen, symptomlose Latenz, Lues III mit Organschäden – alle Stadien mit Penicillin G heilbar

Latenzstadium: Monate- bis jahrelang symptomfrei

Nach dem Sekundärstadium tritt Syphilis in eine Latenzphase ein: keine äußeren Symptome, aber der Erreger ist weiterhin im Körper aktiv 1, 2. Man unterscheidet:

Frühlatenz (bis zu einem Jahr nach Infektion): Der Patient ist noch ansteckend. Rückfälle mit Sekundärstadium-Symptomen sind möglich. Die Frühlatenz ist für die Ausbreitung von Syphilis besonders kritisch, weil Betroffene sich gesund fühlen und unwissentlich Partner infizieren.

Spätlatenz (mehr als ein Jahr nach Infektion): Keine aktiven Läsionen, die Infektiosität nimmt deutlich ab. Ein Teil der Patienten bleibt dauerhaft in der Latenz, ohne jemals das Tertiärstadium zu erreichen. Dennoch empfiehlt sich auch in dieser Phase eine Behandlung, um das Risiko einer Spätmanifestation zu minimieren und eine mögliche Übertragung auszuschließen 1.

Tertiärstadium (Lues III): Jahre bis Jahrzehnte nach Infektion

Wenn Syphilis über viele Jahre unbehandelt bleibt, können lebensbedrohliche Organschäden entstehen 1, 3. Das Tertiärstadium ist heute in Deutschland selten, aber nicht verschwunden:

Gummen: Granulomatöse Gewebsknoten, die Haut, Knochen oder innere Organe zerstören können.

Kardiovaskuläre Syphilis: Entzündung der Aorta (Aortitis) mit Aneurysma-Risiko.

Neurosyphilis: Befall des Zentralnervensystems mit Demenz, Persönlichkeitsveränderungen, Lähmungen und, in der Spätform als Tabes dorsalis, Koordinationsstörungen und neuropathischen Schmerzen. Neurosyphilis kann auch früher auftreten, besonders bei HIV-positiven Männern mit geschwächtem Immunsystem 3.

Insgesamt verlaufen rund 25 bis 40 Prozent der unbehandelten Syphilis-Fälle irgendwann in ein tertiäres Stadium, ein weiterer Grund, die Infektion so früh wie möglich zu diagnostizieren und zu behandeln 1.


Syphilis-Test: Wie wird die Diagnose gestellt?

Ein Syphilis-Test ist einfach und zuverlässig 2, 3. Er sollte bei jedem ungeschützten Sexualkontakt mit unbekanntem Partner oder bei Verdacht auf eine STI durchgeführt werden. Anlaufstellen sind Urologen, Dermatologen, Allgemeinmediziner und spezialisierte STI-Beratungsstellen.

Bluttest (Serologie): Standard ist die Kombination aus einem Suchtest (TPPA/TPHA) und einem Bestätigungstest (FTA-Abs). Zusätzlich wird oft der VDRL-Test zur Aktivitätsbeurteilung und Therapiekontrolle eingesetzt. Antikörper sind frühestens zwei bis vier Wochen nach Infektion nachweisbar; ein negativer Test in den ersten Wochen schließt eine Infektion nicht aus 1. TPPA-Antikörper bleiben lebenslang nachweisbar, auch nach erfolgreicher Therapie. Sie zeigen also eine stattgehabte Infektion an, sind aber kein Marker für aktive Erkrankung.

Direktnachweis: Im Primärstadium können aus dem Primäraffekt Treponemen direkt unter dem Dunkelfeld-Mikroskop nachgewiesen werden, in der Praxis aber nur in spezialisierten Laboren verfügbar.

Wiederholungstest: Bei fortbestehendem Risiko wird ein Kontrolltest nach vier bis sechs Wochen empfohlen. Für MSM mit regelmäßig wechselnden Partnern empfiehlt das RKI ein Syphilis-Screening alle drei Monate 3. Heimtests auf Syphilis sind inzwischen erhältlich, ersetzen aber keine ärztliche Bestätigung und Behandlung.


Behandlung: Penicillin heilt zuverlässig

Syphilis ist mit Antibiotika, in erster Linie Penicillin G, sehr gut behandelbar 1, 2. Die Wahl des Therapieschemas richtet sich nach dem Stadium:

Primär- und Sekundärstadium: Eine einmalige intramuskuläre Injektion von Benzathin-Penicillin G (2,4 Millionen Einheiten) reicht in der Regel aus. Bei Penicillin-Allergie ist Doxycyclin (2 × 100 mg täglich über 14 Tage) eine anerkannte Alternative 1.

Latenzstadium und Tertiärstadium: Drei wöchentliche Injektionen Benzathin-Penicillin G. Bei Neurosyphilis ist eine intravenöse Hochdosistherapie über 14 Tage erforderlich.

Nach der Behandlung sind Kontrolluntersuchungen unerlässlich: Der VDRL-Titer sollte nach 3, 6 und 12 Monaten sinken; ein ausbleibender Titerabfall kann auf ein Therapieversagen oder eine Reinfektion hinweisen 2. Eine durchgemachte Syphilis hinterlässt keine Immunität, Reinfektionen sind jederzeit möglich und kommen in der Praxis häufig vor. Sexualpartner müssen informiert und getestet werden. Auf Geschlechtsverkehr sollte bis zur Heilungsbestätigung verzichtet werden.


Wer ist besonders betroffen?

In Deutschland sind Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), überproportional von Syphilis betroffen. Laut Helios Gesundheit entfielen 2022 etwa 85,6 Prozent aller gemeldeten Fälle auf MSM 3. HIV-positive Männer tragen zudem ein erhöhtes Risiko für einen schwereren Verlauf und atypische Symptome; bei ihnen kann Syphilis schneller in die Spätphase übergehen und Neurosyphilis früher auftreten. Für diese Gruppen sind regelmäßige Screenings besonders wichtig.

Syphilis tritt häufig gleichzeitig mit anderen STIs auf; eine Koinfektion mit Gonorrhö, Chlamydien oder HIV ist keine Seltenheit. Eine positive Syphilis-Diagnose sollte daher immer Anlass für ein erweitertes STI-Panel sein, das auch HIV, Gonorrhö und Chlamydien einschließt 3. Wer seinen HIV-Status nicht kennt und eine Syphilis-Diagnose erhält, sollte sich zeitnah auch auf HIV testen lassen.


Vorbeugung

Kondome reduzieren das Übertragungsrisiko deutlich, bieten aber keinen vollständigen Schutz, insbesondere wenn Läsionen außerhalb des vom Kondom bedeckten Bereichs vorhanden sind 2. Eine Schutzimpfung gegen Syphilis gibt es nicht.

Die wirksamste Strategie ist das regelmäßige Testen: Frühzeitige Diagnose schützt die eigene Gesundheit, ermöglicht schnelle Heilung und unterbricht Übertragungsketten. Für sexuell aktive Männer mit mehreren Partnern gilt ein jährlicher Syphilis-Test als Minimum, für MSM ein Intervall von drei Monaten 3.

Für die Hygiene im Intimbereich empfehlen Dermatologen pH-neutrale Syndets (pH 4,5–5,5) statt herkömmlicher Seife. Eine intakte Hautbarriere im Genitalbereich kann zwar keine Syphilis-Infektion verhindern (Treponema pallidum überwindet auch gesunde Schleimhäute), aber Mikroverletzungen und gereizte Haut senken die natürliche Abwehr und begünstigen das Eindringen verschiedener Erreger.


Häufig gestellte Fragen zu Syphilis beim Mann

Wie sehen die ersten Symptome von Syphilis beim Mann aus?+
Das erste Zeichen ist ein schmerzloses, derbes Geschwür (Primäraffekt / Ulcus durum) an der Eintrittsstelle, meist an Eichel, Vorhaut oder im Analbereich. Begleitend schwellen die Leistenlymphknoten an. Da der Primäraffekt nicht schmerzt und von selbst heilt, bleibt er oft unbemerkt.
Wie viele Syphilis-Fälle gibt es in Deutschland?+
2024 registrierte das Robert Koch-Institut 9.513 Syphilis-Fälle in Deutschland, ein anhaltend hoher Wert. Betroffen sind überwiegend Männer, insbesondere Männer, die Sex mit Männern haben (MSM).
Wie funktioniert der Syphilis-Test?+
Standard ist ein Bluttest mit serologischen Antikörpertests (TPPA/TPHA als Suchtest, FTA-Abs als Bestätigungstest). Antikörper sind frühestens 2 bis 4 Wochen nach Infektion nachweisbar. Im Primärstadium kann der Erreger auch direkt aus dem Geschwür unter dem Mikroskop nachgewiesen werden.
Ist Syphilis heilbar?+
Ja, vollständig. Syphilis wird mit Penicillin G behandelt, meist als einmalige intramuskuläre Injektion im Früh- und Sekundärstadium. Spätere Stadien erfordern mehrere Injektionen oder eine intravenöse Therapie. Nach erfolgreicher Behandlung sind Kontrolluntersuchungen wichtig, da Reinfektionen möglich sind.
Kann Syphilis ohne Symptome verlaufen?+
Ja. Sowohl der Primäraffekt als auch das Sekundärstadium können mild oder unbemerkt verlaufen. Im Latenzstadium gibt es überhaupt keine Symptome, der Erreger ist aber noch aktiv im Körper. Nur ein Bluttest kann eine Infektion in dieser Phase aufdecken.
Schützen Kondome vor Syphilis?+
Kondome senken das Übertragungsrisiko deutlich, bieten aber keinen hundertprozentigen Schutz. Läsionen können sich an Körperstellen befinden, die vom Kondom nicht bedeckt werden, etwa Hodensack, Leiste oder Mund. Regelmäßige Tests sind daher auch bei konsequenter Kondomnutzung empfehlenswert.

Quellen

[1] gesund.bund.de – Syphilis. Bundesministerium für Gesundheit. gesund.bund.de

[2] Helios Gesundheit – Syphilis: Ansteckung, Symptome und aktuelle Fallzahlen. Helios. helios-gesundheit.de

[3] Robert Koch-Institut – Syphilis. RKI. rki.de