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Untenrum Magazin
Beckenbodentraining gilt oft als Frauenthema, dabei profitieren Männer mindestens genauso davon, wenn nicht sogar mehr. Ein trainierter Beckenboden verbessert die Erektionsqualität, hilft bei vorzeitigem Samenerguss, stärkt die Blasenkontrolle und steigert die sexuelle Ausdauer, ganz ohne Medikamente. Schwellkörpertraining und Kegelübungen für Männer sind dabei keine Geheimtipps mehr: Studien belegen, dass gezieltes Beckenbodentraining bei Erektionsproblemen wirksamer sein kann als allein auf PDE5-Hemmer zu setzen 4. Dieser Artikel zeigt, wie du den richtigen Muskel findest, wie das Training funktioniert und worauf du für nachhaltige Ergebnisse achten solltest.
Was ist der Beckenboden beim Mann?
Der Beckenboden ist eine Muskelgruppe, die das Becken wie eine Hängematte von unten verschließt. Er besteht aus mehreren Schichten, von denen drei für Männer besonders relevant sind:
Musculus pubococcygeus (PC-Muskel): Der bekannteste und wichtigste Beckenbodenmmuskel. Er verläuft vom Schambein (Pubis) zum Steißbein (Coccyx) und ist maßgeblich an der Kontrolle von Blase und Darm sowie an der Erektions- und Ejakulationsfunktion beteiligt. Dieser Muskel wird beim klassischen Kegeltraining trainiert.
Musculus bulbospongiosus: Umschließt den Penisbulbus und ist direkt an der Erektion beteiligt: Er pumpt Blut in den Schwellkörper und verhindert seinen Abfluss. Aktive Kontraktionen dieses Muskels erzeugen das 'Pochen" einer vollständigen Erektion. Beim Orgasmus ist er für die rhythmischen Kontraktionen der Ejakulation verantwortlich.
Musculus ischiocavernosus: Verläuft entlang der Sitzbeine und drückt Blut aus dem Penisbulbus in den Schwellkörperkörper (Corpus cavernosum). Er erzeugt die maximale Rigidität des Penis und ist damit direkt an der Erigibilität beteiligt.
Diese drei Muskeln bilden die Grundlage für Schwellkörpertraining und Kegelübungen beim Mann. Ist diese Muskelgruppe schwach oder wenig koordiniert, leidet nicht nur die Erektion, sondern auch Ausdauer, Blasenkontrolle und die Intensität des Orgasmus können beeinträchtigt sein.
Ein wichtiger Zusammenhang, den viele unterschätzen: Der Beckenboden steht in direkter Wechselwirkung mit dem Schwellkörper. Der Schwellkörper (Corpus cavernosum) des Penis füllt sich bei sexueller Erregung mit Blut. Damit eine vollständige Erektion entsteht und erhalten bleibt, muss der Blutabfluss aktiv gedrosselt werden. Genau hier kommt der Beckenboden ins Spiel: Die Beckenbodenmuskulatur komprimiert die Venen, die das Blut aus dem Schwellkörper ableiten. Ein schwacher Beckenboden kann diese Kompression nicht aufrechterhalten, was zu insuffizienten oder nicht stabilen Erektionen führt.
Warum Beckenbodentraining für Männer?
Die Vorteile eines gezielt trainierten Beckenbodens sind wissenschaftlich gut belegt:
Erektile Dysfunktion: Eine Studie der Universität Bristol (Dorey et al., 2004) im British Journal of General Practice zeigte, dass 40 % der Männer mit erektiler Dysfunktion nach sechs Monaten Beckenbodentraining ihre volle Erektionsfähigkeit wiedererlangten, und weitere 35,5 % verbesserten sich signifikant 1. Das ist eine Erfolgsquote, die sich mit medikamentöser Therapie vergleichen lässt, jedoch ohne Nebenwirkungen auskommt.
Vorzeitiger Samenerguss: Männer mit Ejaculatio praecox können durch gezieltes PC-Muskel-Training lernen, den Ejakulationsreflex bewusst zu kontrollieren und hinauszuzögern. Die Technik funktioniert ähnlich wie Biofeedback: Wer seinen Beckenboden spürt und willentlich anspannt, kann den Punkt vor dem Orgasmus erkennen und die Ejakulation verlangsamen.
Harninkontinenz: Der Beckenboden kontrolliert den äußeren Harnröhrenschließmuskel. Schwaches Beckenbodengewebe führt nach Prostataoperationen oder im Alter zu Belastungsinkontinenz. Gezielte Kegelübungen sind hier erste Therapiewahl 2.
Prostatagesundheit: Beckenbodentraining fördert die Durchblutung im Beckenraum und kann bei chronischem Beckenschmerzsyndrom (CPPS) und Prostataentzündungen unterstützend wirken.
Intensiverer Orgasmus: Ein trainierter Beckenboden erzeugt kräftigere Kontraktionen beim Orgasmus, was von vielen Männern als deutliche Intensivierung empfunden wird.
Nachhaltigkeit gegenüber Medikamenten: PDE5-Hemmer wie Sildenafil (Viagra) oder Tadalafil (Cialis) sind wirksam, helfen aber nur situativ und trainieren keine Muskulatur und behandeln keine Ursache. Beckenbodentraining dagegen adressiert die muskuläre Grundlage der Erektionsfunktion. In der Studie von Dorey et al. schnitten Männer, die Beckenbodentraining mit Lebensstiländerungen (Gewichtsreduktion, Rauchstopp) kombinierten, signifikant besser ab als diejenigen, die nur auf Medikamente setzten 1, 3. Das macht Beckenbodenübungen besonders interessant als langfristige Strategie: nicht als Ersatz, aber als wirksame Ergänzung oder erste Maßnahme.
Psychologischer Effekt: Wer aktiv an seiner sexuellen Gesundheit arbeitet, erlebt in der Regel auch einen Rückgang von Versagensangst und Leistungsdruck. Das bewusste Körpergefühl, das durch regelmäßiges Training entsteht, stärkt das Selbstvertrauen, ein Faktor, der bei psychisch mitbedingter Erektionsstörung direkt therapeutisch wirkt.

Den PC-Muskel und die Potenzmuskulatur finden
Viele Männer kennen ihren Beckenboden nicht und haben keine Körperwahrnehmung für diese Muskelgruppe. Die einfachste Methode, ihn zu lokalisieren: Versuche, den Urinstrahl beim Wasserlassen kurz anzuhalten. Die Muskelgruppe, die du dabei anspannst, ist der PC-Muskel. Wichtig: Diese Übung nur zur Lokalisation verwenden, nicht als regelmäßiges Training, da häufiges Anhalten des Urinstrahls die Blasenfunktion stören kann.
Alternativ: Stell dir vor, du willst verhindern, dass du Luft aus dem Darm verlierst. Die Anspannung, die du dabei spürst, betrifft ebenfalls den Beckenboden. Ein weiteres Signal: Beim bewussten Anspannen des PC-Muskels hebt sich der Hodensack leicht an.
Häufige Fehler beim ersten Versuch:
- Gesäßmuskeln anspannen statt des Beckenbodens
- Bauchmuskulatur einziehen
- Atemluft anhalten
Übe zunächst im Sitzen oder Liegen mit vollständig entspanntem Körper. Nur der Beckenboden spannt sich an. Gesäß, Oberschenkel und Bauch bleiben locker.
Kegelübungen für Männer: Schritt-für-Schritt-Anleitung
Kegelübungen, benannt nach dem Gynäkologen Arnold Kegel, der sie in den 1940ern entwickelte, sind die Grundlage jedes Beckenbodentrainings. Für Männer sind sie genauso wirksam wie für Frauen, werden aber seltener empfohlen.
Grundübung: Statische Kontraktion
- Bequeme Position einnehmen (Sitzen, Liegen oder Stehen)
- PC-Muskel für 3–5 Sekunden anspannen, dann vollständig loslassen
- 10 Sekunden entspannen (die Entspannung ist genauso wichtig wie die Anspannung)
- Wiederholen: 10–15 Wiederholungen pro Satz, 3 Sätze täglich
Steigere die Haltezeit nach 2 Wochen auf 5–8 Sekunden, nach einem Monat auf 10 Sekunden.
Schnelle Kontraktionen (Flicks)
Spanne den PC-Muskel schnell an und sofort wieder los, so schnell wie möglich. Ziel: 20–30 Wiederholungen am Stück. Diese Übung trainiert die schnellen Muskelfasern, die besonders für die Ejakulationskontrolle relevant sind.
Stufenkontraktion
Spanne den Beckenboden stufenweise an: Stelle dir vor, du fährst mit einem Fahrstuhl etageweise nach oben. Halte jede Stufe kurz, dann wieder etageweise entspannen. Diese Übung schult die Feinkoordination des Beckenbodens und verbessert die Körperwahrnehmung.
Trainingsroutine: 3 Sätze täglich, verteilt auf morgens, mittags und abends. Der Vorteil: Kegelübungen sind unsichtbar und können überall durchgeführt werden, ob im Büro, im Auto oder beim Fernsehen.
Häufiger Fehler: Zu wenig Entspannung. Viele Einsteiger trainieren zu intensiv ohne ausreichende Regeneration zwischen den Sätzen. Der Beckenboden besteht zu einem großen Teil aus Typ-I-Fasern (Ausdauerfasern), die auf Ermüdung sensibel reagieren. Zwischen den Kontraktionssätzen immer mindestens 10 Sekunden vollständig entspannen. Der Muskel sollte sich weich und gelöst anfühlen. Ein hypertoner (dauerhaft verspannter) Beckenboden führt zu Problemen wie Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder paradoxerweise verschlechterter Ejakulationskontrolle. Wer beim Anspannen Schmerzen empfindet, sollte zunächst die Entspannungsübungen (Reverse Kegel) in den Vordergrund stellen.

Schwellkörpertraining: Spezifische Übungen
Während klassische Kegelübungen den gesamten Beckenboden kräftigen, zielt Schwellkörpertraining spezifisch auf die Muskeln, die direkt an der Erektion beteiligt sind, vor allem Musculus bulbospongiosus und ischiocavernosus.
Übung 1: Penisheben
Im erigierten oder teilerigierten Zustand: Kontrahiere den Beckenboden so, dass der Penis leicht nach oben gedrückt wird. Halte die Anspannung 1–2 Sekunden, dann entspannen. Beginne mit 10 Wiederholungen und steigere auf 20–30. Diese Übung trainiert direkt die erektionsrelevante Muskulatur und verbessert die Blutzirkulation im Schwellkörper.
Übung 2: Beckenbodenpuls beim Orgasmus
Beim Orgasmus den Beckenboden bewusst rhythmisch anspannen. Mit der Zeit lernst du, die Kontraktionsfrequenz zu kontrollieren, was sowohl Intensität als auch Kontrolle verbessert.
Übung 3: Reverse Kegel (aktive Entspannung)
Während klassische Kegelübungen anspannen, trainiert der Reverse Kegel das bewusste Loslassen. Stelle dir vor, du schiebst sanft nach unten und außen, ähnlich wie beim Beginn des Wasserlassens. Dies entspannt einen hypertonen (überspannten) Beckenboden, der bei manchen Männern zu vorzeitigem Samenerguss oder Schmerzen beiträgt. Wechsle in deiner Routine zwischen normalen und Reverse-Kegelübungen.
Übung 4: Isometrisches Halten bei Druck
Setze dich auf eine harte Oberfläche (Stuhlkante, Fußboden) und spanne den Beckenboden an, während du leicht nach unten drückst, als würdest du gegen Widerstand arbeiten. Halte 5 Sekunden, dann lösen. Diese Übung simuliert die Beanspruchung, die der Beckenboden beim Geschlechtsverkehr erfährt, und verbessert die funktionelle Kraft unter Belastung. Besonders nützlich, wenn du merkst, dass die Erektion bei bestimmten Positionen nachlässt.
Geräte und Hilfsmittel: Im Fachhandel sind Beckenbodentrainer für Männer (Biofeedback-Geräte, vibrierende Trainingsgeräte) erhältlich. Diese können helfen, die richtige Muskelaktivierung zu erlernen und den Trainingsfortschritt zu messen. Sie sind jedoch kein Ersatz für das manuelle Training und für die meisten Männer auch nicht notwendig. Einen nachgewiesenen Vorteil gegenüber konsequentem 'händischem" Training haben sie in der Forschung nicht belegt.
Trainingsplan: Der 12-Wochen-Einstieg
Ein realistischer Aufbauplan für Einsteiger:
Wochen 1–2: Lokalisierung und Grundgefühl entwickeln. 3× täglich 10 statische Kontraktionen à 3 Sekunden. Fokus auf korrekte Isolierung des Beckenbodens.
Wochen 3–4: Haltezeit auf 5 Sekunden steigern. Schnelle Kontraktionen (Flicks) ergänzen: 2 Sätze à 15 Stück. Gesamt: 10–15 Minuten täglich.
Wochen 5–8: Statische Kontraktionen auf 8 Sekunden verlängern. Stufenkontraktion einführen. Schwellkörper-spezifische Übungen (Penisheben) ergänzen. Trainingsumfang: 3 Sätze je Übung.
Wochen 9–12: Alle Übungen auf vollem Niveau. 10 Sekunden Haltezeit, 30 Schnellkontraktionen, Reverse Kegel integrieren. Erste messbare Verbesserungen bei Erektion und Ausdauer werden in der Regel nach 6–12 Wochen berichtet. Nach dem 12-Wochen-Programm geht es in die Erhaltungsphase: 1–2 Trainingseinheiten täglich reichen, um die erreichte Muskelkraft zu erhalten. Wie bei jedem Muskeltraining baut sich der Beckenboden wieder zurück, wenn das Training komplett aufgehört wird.
Wann zeigen sich Ergebnisse?
Geduld ist entscheidend: Der Beckenboden ist ein Muskel wie jeder andere und baut sich nicht in einer Woche auf. Erste Verbesserungen der Körperwahrnehmung zeigen sich häufig nach 2–3 Wochen. Messbare Verbesserungen der Erektionsqualität und Ejakulationskontrolle berichten die meisten Männer nach 6–12 Wochen regelmäßigem Training 1.
Die wichtigsten Erfolgsfaktoren:
- Konstanz über Tage und Wochen: Täglich ein paar Minuten schlagen ein gelegentliches intensives Training deutlich
- Vollständige Entspannung zwischen den Sätzen, denn ohne Regeneration stagniert der Fortschritt
- Korrekte Muskelaktivierung: Bei Unsicherheit empfiehlt sich eine Einweisung durch einen Physiotherapeuten mit Beckenbodenspezialisierung
Ein praktischer Tipp zur Erfolgskontrolle: Führe ein kurzes Trainingstagebuch. Notiere, wie viele Sekunden du die Kontraktion gehalten hast, wie viele Wiederholungen du geschafft hast und ob du subjektive Veränderungen bei Erektion oder Blasenkontrolle bemerkt hast. Dieses Feedback hilft, das Training gezielt anzupassen und motiviert durch sichtbare Fortschritte. Viele Männer bemerken eine verbesserte Körperwahrnehmung schon in den ersten zwei Wochen, selbst wenn die funktionellen Verbesserungen noch auf sich warten lassen.
Beckenbodentraining als Ergänzung, nicht als Allheilmittel
Beckenbodenübungen wirken am besten, wenn sie Teil eines ganzheitlichen Ansatzes sind. Erektile Dysfunktion hat in vielen Fällen mehrere Ursachen: vaskuläre Probleme (Gefäßverkalkung, Bluthochdruck), hormonelle Faktoren (Testosteronmangel), psychische Belastungen (Stress, Leistungsdruck) oder Medikamentennebenwirkungen. Beckenbodentraining adressiert primär die muskuläre und durchblutungsbezogene Komponente.
Wer trotz konsequentem Training nach drei Monaten keine Verbesserung bemerkt, sollte einen Urologen aufsuchen. Eine organische Ursache schließt Beckenbodentraining als sinnvolle Ergänzung nicht aus, erfordert aber gegebenenfalls zusätzliche Diagnostik und Therapie.
Auch die Intimpflege trägt zur Gesundheit des Genitalbereichs bei: Sanfte Reinigung mit einem pH-hautneutralen Syndet (pH 4,5–5,5) hält die Hautbarriere des Intimbereichs intakt und unterstützt das natürliche Schutzmilieu, eine Grundlage, auf der Training und Wohlbefinden aufbauen können.
Häufig gestellte Fragen zu Kegelübungen und Schwellkörpertraining
Wie oft sollte ich Kegelübungen machen?+
Kann ich die Muskeln übertreiben?+
Helfen Kegelübungen wirklich bei Erektionsproblemen?+
Kann ich Beckenbodentraining beim Arzt verschreiben lassen?+
Sind Beckenbodenübungen für alle Männer geeignet?+
Quellen
- Dorey G et al.: Randomised controlled trial of pelvic floor muscle exercises and manometric biofeedback for erectile dysfunction. British Journal of General Practice. 2004;54(508):819–825. https://bjgp.org/content/54/508/819
- MSD Manual (2024): Harninkontinenz bei Erwachsenen – Ausgabe für Patienten. https://www.msdmanuals.com/de/heim/nieren-und-harnwegserkrankungen/beschwerden-beim-wasserlassen/harninkontinenz-bei-erwachsenen
- Dorey G et al.: Pelvic floor exercises for erectile dysfunction. BJU International. 2005;96(4):595–597. https://doi.org/10.1111/j.1464-410X.2005.05690.x
- Myers C, Smith M: Pelvic floor muscle training improves erectile dysfunction and premature ejaculation: a systematic review. Physiotherapy. 2019;105(2):235–243. https://doi.org/10.1016/j.physio.2019.01.002
- Pastore AL et al.: Pelvic floor muscle rehabilitation for patients with lifelong premature ejaculation. Journal of Sexual Medicine. 2014;11(12):2975–2984. https://doi.org/10.1111/jsm.12683
